Geldautomat explodiert beim Sprengtest
Thema: Verschiedenes | Datum: 10.07.2023

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Bekämpfung von Geldautomatensprengungen

Ein Kommentar von Tim Wolters

Im Jahr 2022 hat die Zahl der Geldautomatensprengungen einen neuen Höchststand erreicht. Auch dieses Jahr reißt die Serie solcher Taten nicht ab, gefährdet Menschen und Gebäude und verursacht enorme Kosten. Tim Wolters, Abteilungsleiter Sicherheit & Business Continuity bei der TARGOBANK, berichtet hier von seinen Erkenntnissen aus der Arbeitsgruppe zur Bekämpfung der Sprengungen.

Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland, das zurzeit am meisten mit Geldautomatensprengungen zu kämpfen hat. Trotzdem gehen die betroffenen Banken und Sicherheitsbehörden hier einen anderen Weg als vielerorts im Rest der Republik. Statt gegenseitiger öffentlicher Schuldzuweisungen oder uninformierten Forderungen nach besserem Schutz verfolgen die Beteiligten in NRW einen engen, kooperativen Ansatz.

Die von Innenminister Herbert Reul im Mai 2022 eingesetzte Sonderkommission zur Bekämpfung und Ermittlung von Geldausgabeautomaten-Sprengungen (SoKo BEGAS), das Landeskriminalamt, die Polizeipräsidien und die Banken – auch die TARGOBANK mit mir als Vertreter – arbeiten gemeinsam an der Bewältigung dieses Kriminalitätsphänomens.

Eine schnelle Weiterentwicklung der Sprengmethoden erschwert die Bekämpfung

Die Entwicklung wirksamer Schutzmaßnahmen gegen die Sprengungen ist herausfordernd. Erst zeigen sich anfängliche Erfolge bei der Erhöhung des Widerstandszeitwerts, bis die Täter*innen neue Vorgehensweisen finden, welche die Schutzmaßnahmen zügig wieder aushebeln. Die Heftigkeit der Angriffe befindet sich inzwischen auf einem Niveau, das man bislang nur bei terroristischen Attacken oder im Kino gesehen hat. Tatbegehungszeiten werden nicht mehr in Minuten, sondern nur noch in Sekunden gemessen. Das Erkennen und Reagieren auf einen Angriff muss daher automatisiert geschehen.

Beispielhaft ist hier die Entwicklung beim Einsatz von Vernebelungssystemen. Anfänglich wurden diese manuell nach erkanntem Angriff ausgelöst, um Fehlauslösungen und damit die Beeinträchtigung unbeteiligter Dritter zu vermeiden. Aber diese Zeit für die Erkennung, Alarmmeldung und Situationsbeurteilung eines Angriffs sowie schließlich die manuelle Auslösung des Systems ist nicht mehr vorhanden, was zu einer Umstellung auf automatisierte Systeme geführt hat. Dies bedeutet aber auch eine Einschränkung des Service für die Kunden, denn das SB-Foyer und die Geldautomaten stehen während der automatischen Überwachung nicht zur Verfügung.

Umso wichtiger ist es, Schutzmaßnahmen vorausschauender zu entwerfen. Teure Zwischenlösungen wie zum Beispiel die Gasdetektionssysteme, die durch den Wechsel der Angriffsmethode von Gas hin zu festen Explosivstoffen fast gänzlich nutzlos geworden sind, müssen vermieden werden. Gleichzeitig dürfen wir die Sicherheit der Nutzer im täglichen Betrieb nicht außer Acht lassen. Deshalb muss sorgfältig abgewogen werden, ob man beispielsweise Gefahrstoffe wie Lösungsmittel oder Klebstoffe einsetzt. Denn trotz der inakzeptabel hohen Anzahl von Sprengungen ist die Zahl der täglichen legitimen Interaktionen mit dem Geldautomaten durch Kunden, Bankangestellte, Geld- und Werttransporteure und Wartungstechniker um ein Vielfaches höher.

Was machen Banken und Polizei also konkret?

Neben der wissenschaftlichen Herangehensweise durch die Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle des LKA NRW, die sich mit den Entstehungszusammenhängen und der Kriminalitätsentwicklung befasst, über die beratenden Tätigkeiten der Polizeidienststellen vor Ort erstreckt sich die Zusammenarbeit zwischen Kreditinstituten und Polizei bis hin zu einer konkreten Entwicklung und Erprobung von Präventionsmaßnahmen.
Zuletzt mündete dies in einem gemeinsamen Test von passiven Banknoteneinfärbesystemen verschiedener Hersteller auf einem militärischen Sprengplatz, an dem auch ich teilgenommen habe. Unter weiterer Beteiligung des LKA Niedersachsen, der Bundesbank und Experten der Versicherungswirtschaft haben wir Tests zur Wirksamkeit dieser Technik durchgeführt. Hierzu wurden sechs Geldautomaten verschiedener Fabrikate und Widerstandsklassen unter kontrollierten Bedingungen mit Explosivstoffen angegriffen und dabei mehr als 750.000 Euro Bargeld eingefärbt. Die echten, entwerteten Banknoten hatte die Bundesbank zur Verfügung gestellt, um die Tests so realistisch wie möglich zu gestalten.
Alle Teilnehmer waren sich nach dem Test einig, dass die passiven Einfärbesysteme ein weiterer, wirksamer Baustein im Kampf gegen die Geldautomatensprengungen sind, die den Schutzmaßnahmenmix sinnvoll ergänzen. Denn nicht zuletzt werden die erbeuteten Summen ansonsten häufig für die Finanzierung weiterer Kriminalität wie den Drogenhandel genutzt .

Grün eingefärbte Geldscheine zur Bekämpfung von Geldautomatensprengungen
Einfärbesysteme machen die eventuell erbeuteten Geldscheine nutzlos. (Foto: RSGV/SVWL)

Eine enge Zusammenarbeit zwischen Banken, LKA und Polizei ist unabdingbar

Meiner Meinung nach hat nur ein solches gemeinsames Vorgehen Aussicht auf Erfolg. Denn es sind nicht nur die physischen Schutzmaßnahmen der Banken, sondern es schließen sich unmittelbar die organisatorischen Maßnahmen an, nicht zuletzt die Intervention der Polizei. Hier muss ein Rädchen ins nächste greifen, damit es den Kriminellen so schwer wie möglich gemacht wird. Nur dann können wir das Phänomen in den Griff bekommen und die Täter dazu bringen auf andere Ziele ausweichen. Dann beginnt das Spiel wieder von vorn…

Hier noch ein kurzes Video vom Sprengtest:

Bildquellen: Video: TARGOBANK, Tim Wolters
Redaktion: Tim Wolters, Jasmin Joachim

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