
Der Weltfrauentag ist nicht mein Lieblingstag
Gastbeitrag von Isabelle Chevelard, CEO der TARGO Deutschland GmbH
Der 8. März ist weit davon entfernt, mein Lieblingstag zu sein: Denn der Internationale Frauentag zeigt Jahr für Jahr auch, dass das Thema Gleichberechtigung weiterhin ungelöst ist. Gewiss wurden bedeutende und grundlegende Fortschritte erzielt, doch die Errungenschaften sind fragil, und die Legitimität der Gleichstellung von Frauen und Männern wird vielfach wieder infrage gestellt.
Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich mich in einer privilegierten Situation befinde, und ich werde die Millionen von Frauen in der Welt nicht vergessen, deren Grundrechte missachtet und eingeschränkt werden.
Beginnen wir mit einer Grundregel: Gleichberechtigung muss messbar sein. Alles, was sich nicht messen lässt, existiert im Grunde nicht wirklich. Bei der TARGOBANK erreichen wir 34 Prozent Frauen in Führung – das entspricht zwar dem Durchschnitt des deutschen Bankenmarktes, ist jedoch unzureichend in einem Unternehmen, in dem mehr als die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind.
Wir arbeiten mit vereinten Kräften daran, diese Quote kontinuierlich zu verbessern. Dabei nutzen wir die breite Klaviatur verschiedenster Maßnahmen. Die TARGOBANK weist beispielsweise kein Gender Pay Gap auf. Wir unterstützen Teilzeitarbeit, selbstverständlich auch für Männer und Führungsrollen. Zudem bestärken wir Führungskräfte, die Paritätsziele in ihrem Bereich zu erreichen.
Chancengleichheit zu schaffen, bedeutet nicht, dass eine Seite gewinnt und die andere verliert. Uns ist wichtig, alle mitzunehmen – mit rationalen Argumenten und Anreizen. Unternehmen spielen insgesamt eine grundlegende Rolle. Wie kann man sich effektive Unternehmensführung vorstellen, wenn nur ein Geschlecht am Tisch vertreten ist? Wie können Aufsichtsrat oder Vorstand ausgewogene und fundierte Entscheidungen treffen, wenn alle am Tisch einander ähneln und ähnlich denken? Gleichstellung ist in Unternehmen nicht nur eine Frage von Werten, sondern auch von Effizienz und finanzieller Leistungsfähigkeit. Das gilt insbesondere für die Bankenwelt, die in einem unsicheren wirtschaftlichen Umfeld mit vielfältigen Risiken eine zentrale Rolle spielt. Die richtige Entscheidung zu treffen, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, die Risikobereitschaft angemessen zu bewerten – all diese Aspekte lassen sich besser bewältigen, wenn Denkweisen vielfältig sind.
Natürlich ist es nicht einfach, Diversität anzustreben – zu der die Gleichstellung von Frauen und Männern gehört. Es bedeutet langfristige Anstrengungen: fair und ethisch zu bleiben, Talente nachhaltig zu fördern und positive Diskriminierung zu vermeiden, um das überrepräsentierte Geschlecht auf den höchsten Ebenen nicht zu entmutigen. In der Bankenwelt sind das die Männer!
Doch dieser Einsatz lohnt sich – nicht nur für Frauen, sondern für alle. In einer kurzfristigen Perspektive mag es einfacher erscheinen, Diversitätsstrategien über Bord zu werfen, wie es einige Banken außerhalb Europas tun. Ich halte das nicht für eine gute Entscheidung, auch wenn es Jahre dauern wird, bis die negativen Folgen sichtbar werden. Zahlreiche Studien zeigen, dass eine stärkere Vertretung von Frauen in Führungspositionen mit besseren finanziellen Ergebnissen einhergeht.
Können Unternehmen allein die Situation verändern? Ganz sicher nicht.
Parlamente, die Gesetze verabschieden, und Regierungen, die sie umsetzen, müssen ihren Beitrag zu diesem umfangreichen Bauwerk leisten, das keinesfalls unter mangelndem Willen, Resignation oder dem Wunsch nach einem schützenden und bequemen „Unter-sich-Bleiben“ zusammenbrechen darf. Dabei geht es sowohl um unsere Demokratie als auch um wirtschaftliche Effizienz.
Politikerinnen und Politiker müssen Gesetze erlassen oder bestehende konsequent anwenden – etwa zur Bekämpfung von Stereotypen oder zur Umsetzung hochwertiger Kinderbetreuungs- und Bildungsangebote.
Stereotype wirken oft tiefer, als wir denken – manchmal sogar in der Art und Weise, wie wir Geschichte erzählen. Lange wurde etwa das einfache Bild gezeichnet: Der Mann jagt Mammuts, die Frau sammelt Beeren und Nüsse. Tatsächlich war die Rollenverteilung komplexer und folgte vor allem einem Ziel: dem Überleben der Gemeinschaft. Auch heute prägen solche Stereotype Bildungsentscheidungen. Eine stärkere Beteiligung von Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen wäre daher nicht nur eine Frage der Gleichstellung, sondern auch der wirtschaftlichen Zukunft Europas.
Die Vorstellung, die in vielen europäischen Ländern rückläufige Geburtenrate ließe sich steigern, wenn Frauen weniger oder gar nicht arbeiteten, wird durch wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt – etwa durch die Studie von vier in Deutschland tätigen Forscherinnen und Forschern „A New Era in the Economics of Fertility“ (CEPR). In wohlhabenden Ländern gilt: Je stärker Frauen am Arbeitsmarkt teilnehmen, desto mehr Kinder bekommen sie. Die Forschenden identifizieren vier Faktoren, die die Vereinbarkeit von Karriere und Familie erleichtern: Familienpolitik, kooperative Väter, begünstigende soziale Normen und flexible Arbeitsmärkte.
Ein weiteres Thema für europäische Regierungen ist die Frage, wie die massiven Renteneintritte der kommenden Jahre kompensiert werden können. Durch Roboter? Durch KI? Wir wissen alle, dass dies keine ausreichende Antwort ist. Das Rentenalter weiter anheben? In Deutschland liegt es bereits bei 67 Jahren. Sollte es noch weiter erhöht werden – auf 70? Oder wäre es sinnvoller, jüngere weibliche Fachkräfte stärker für den Arbeitsmarkt zu gewinnen?
Letztlich strebt jede Gesellschaft danach, das Wohlbefinden ihrer Bevölkerung zu maximieren – die zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern besteht. Dazu bedarf es der gemeinsamen Anstrengung von Männern und Frauen, Banken, Wirtschaft und Politik. Beginnen wir damit, alte Denkmuster zu überwinden und Vorurteile zu bekämpfen – in unser aller Interesse.
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